Mecklenburger Kapellenweg: ein spirituelles, dezentrales Pilger-Projekt zwischen Malchiner See bis nach Waren - Jeden Tag und jede Nacht offen

Waren

Teil 5: von Tressow über Langwitz nach Gessin

(Fortsetzung von Ausgabe 14/2021, Müritz Tipp, 17. Juli 2021)

Noch sind wir in Tressow und hören von Israel Jacobson, dem sehr wohltätigen reichen Sohn einer Halberstädter Kaufmannsfamilie. 1768 geboren, übernahm er viele Geldgeschäfte vom Vater. Ihm lag besonders Intergration und Gleichstellung der Mitbürger jüdischen Glaubens am Herzen. In Seesen am Harz stiftete er, außer einem Brückenneubau, eine große Gemeinschaftsschule für sowohl christliche wie auch jüdische Schüler. Der Unterricht fand gemeinschaftlich statt, bis auf den Religionsunterricht.

Jacobson konnte 90% seiner Jahreseinkünfte wohltätig stiften oder verleihen. Und tat dies auch. Er modernisierte den Synagogengottesdienst durch deutsche Texte und die Orgel, gründete eine Reformsynagoge in Berlin, worüber eine Plakette am „Palasthotel“ an der Spree berichtet. 1816 kaufte er als erster Bürgerlicher jüdischen Glaubens u. a. die Güter Tressow mit Lupendorf und erlitt heftigen Antisemitismus seitens des Adels. Alle Wege seines Gutsbezirks wurden gepflastert, alle Holzstege durch Steinbrücken ersetzt, die heute noch schwere Traktoren tragen. Er blieb ein Wohltäter bis zu seinem Tod 1828. Sein Grab ist noch in Berlin. Eine Gutsglocke mit seinem Namen könnte nach Tressow zurückfinden. Wir müssen diesem Mann, Jacobs Sohn, ein Erinnerungsmal setzen!

Bis nach Langwitz reicht unser Blick nicht. Der Kirchturmstumpf von Schwinkendorf, 1893 abgebrannt, zieht alle Aufmerksamkeit an. Ein einzelner Bauer, (A)chim Griese hat ihn gestiftet, er allein. Der wusste, was wichtig ist, denn was wäre Schwinkendorf ohne diesen Turm? Eigentlich fast 75 Meter hoch, konnten man von oben die Türme Rostocks sehen. Die Glocken darin, die wurden in der Klockenkuhle von Langwitz gegossen. Dieses Wasserloch liegt am ehem. Kirch- und Schulweg von Langwitz nach Schwinkendorf. Dort kreuzen sich Wege, da lag einst die Kirche. Das Feld drum herum hieß „Glockenkampsfeld“. Noch bis in die 60er Jahre lagen dort Mauerfelsen der Kirche. Das jedenfalls sagte Luise Sommerfeld, die damals älteste im Ort Geborene. Sie und ihr Mann wurden 2017 in der Kapelle gesegnet, nach 65 Ehejahren.

Aus grauer Vorzeit erzählt man die Sage, dass aus dieser Klockenkuhl, am 24. Juni, dem Tag Johannes’ des Täufers, mittags die Glocken zur Oberfläche kommen und klingen. Alle 100 Jahre und im vorigen Jahr soll es der Fall gewesen sein. Der Platz liegt abseits von Langwitz, denn auch dieses Dorf wurde als Gut an anderer Stelle neu gegründet. Nur ein Steinhaus, in dessen Keller die Molkerei war, steht noch vom alten Langwitz. Die Gutsanlagen sind teils abgebrannt, teils abgerissen, aber das Gutspächterhaus von 1854 ist noch da und liegt im Dornröschenschlaf, wie der Gutsgarten auch.

In Langwitz redet man Schwäbisch und kocht Spätzle und Nudeln. Die Neu-Bewohner nach 1945 sind Schwaben, die von 1835 bis 1940 in Bessarabien, zwischen der Bukowina und Odessa gelegen, siedelten und wackere Landwirte waren.

Aber auch aus dem Ermland, dem katholischen Teil Ostpreußens, kamen Siedler. Einer, Gerhard Sommerfeld, brachte den Spruch von einem dortigen Wegkreuz mit: „Wanderer, bete und vertraue, dein Erlöser lebt!“

Der Platz ist den ganzen Tag in der Sonne und überall stehen gepflegte Bäume und Blumen an der Hirten-Kapelle. Die Hüterin des Lebens ist weiblich, auf der Schulter sitzt ein Vögelchen. Es fragt: „Wie hüten wir, wie hütest du Leben - wenn Christus dein Guter Hirte ist?“ An den neu gesetzten Nuss- und Lindenbäumen kann ich sehen, wie das Hüten von Leben aussehen könnte. Notburga hütet sie und die ganze Kapelle. Vielleicht kommen noch Heilpflanzen dazu?

So brechen wir zu vorerst abschliessenden Station auf, nach Gessin. Auf dem Weg von Langwitz nach Gessin leitet uns die 1879 errichtete, aber 1996 stillgelegte Bahnlinie. Ein wunderbarer Wald führt am ehemaligen Kieswerk und seiner Verladestation neben dem „Bahnhof Basedow“ vorbei.

In Gessin können wir eine echte gotische Bauerndorf-Kapelle bewundern. Sie sollte 1756 längst dem Gutsbetrieb gewichen sein, aber die Hahn`sche Gutsverwaltung konnte sich damit nicht durchsetzen. Sie wollte Wargentin, ein wichtiges Kirchdorf, zu Acker machen, vor allem den Kirchhof und Kirche. Die Höfe waren schon platt gepflügt. Als Ersatz für Kirche und Friedhof forderte die Landeskirche, ein Pfarrwitwenhaus in Basedow zu errichten und die Kapelle in Gessin zu sanieren. Das wollte nicht einmal der Basedower Pastor! Auch er träumte von zentraler Kirche und dass alle Leute sich zur Zentrale bewegen. Trotzdem kam es so. Deshalb ist die Gessiner Kapelle einzigartig wie das gesamte Dorf. Es besteht nämlich im Kern immer noch aus den ehemals 13 Höfen mit deren Familien. Und die halten zusammen, haben ein Dorfvereinshaus mit vielen Aktivitäten.

Eigenwillige Bäume an unserem Weg, der Drei-Schwestern-Allee lassen uns nach dem Eremit-Käfer fragen und nach der Kapelle. Meist ist sie geöffnet, und wenn nicht, dann „hett Luise Splinter den Slötel“. Luise, die Gute Seele mit dem Schlüssel: Wir finden sie im Mittelhof, wo wir rasten und uns erfrischen können. Hier dreht sich vieles um die Region, ihre Geschichte und neues Selbstbewusstsein. Es ist ein „Regionalparlament Mecklenburgische Schweiz“, mit Fuhrdiensten, mit Regional-Laden, mit vielen Initiativen, neuerdings zum Aufbau der Rempliner Wassermühle. Und die Bildhauerin Kathrin Wetzel, welche alle Bronzen schuf, hat ihr Atelier nebenan. Wer sie fragt, erfährt, dass sie weitere Bronzetafeln für noch weitere verloren gegangene Andachtsorte in der Mecklenburgischen Schweiz arbeitet.

In der kühlen Kirche schwebt Sommer-Heiligkeit. Die Bienen summen in den Linden davor. Auf der Bronzetafel sagt Christus: „Ich bin der wahre Weinstock - und du -“, so ergänzen wir: Wie wirst du guter Wein? Wein muss gehütet, gestärkt und aufgebunden werden. Weinlese und Presse folgen und dann Gärung: Ohne Hefe geht es nicht. Das ist ein Gleichnis: Menschen sind auf dem Weg auch durch und durch verändert worden. Mal drückt der Schuh, mal die Hitze, mal schlechte Erfahrungen. Die guten Worte des Christus, wenn man sie auf sich bezieht, können daraus etwas Geniessbares machen.

Unser Weg zu den kleinen spirituellen Orten macht Pause, aber zu Ende ist er nicht. Die Region ist so reich und es gibt noch viel zu entdecken. Wer Kapellenorte sucht, findet sie in Panstorf, Teterow, Malchin, Wargentin, Holz-Liepen, Levenstorf, Klocksin, Ziddorf, Glantz, Alt Gaarz, Panschenhagen, Falkenhagen. Sie tauchen einfach auf, haben nur geschlafen. An 7 Wochentagen und 24 Stunden sind sie da, ganz nah.

Der Mecklenburger Kapellenweg:

Pilger grüßen sich mit dem Wort „Ultreia!“ (Gehe weiter!) Kommen Sie mit, wandern oder radeln Sie den Weg und kehren sie bei sich ein, wenn Sie die Bildtafeln betrachten, die Hügel, die Quellen und Fernsicht und die Bildtafeln betrachten. Treten Sie sich Ihre Sorgen unter die Füße.

Wer mehr wissen will, schaut bei www.kapellenweg.de nach oder meldet sich zur Führung per Mail bei kapellenweg@pfarrhof-rambow.de.

Wer noch alte Fotos aus den Dörfern hat, melde unter Tel.: 0171 7061390 und helfe so, die Geschichte mit Geschichten zu vervollständigen.

Eckart Hübener

Artikel veröffentlicht am 31.07.2021 von Müritz Tipp Landkreis Waren 15 / 2021